Die Nachwuchsforschergruppe Mobility for Saxony (MofoSa) der Hochschule Mittweida zielt auf eine Intensivierung einer Zusammenarbeit mit der Porsche AG. Grundlage für die weiterführende Aktivitäten ist die Bereitstellung einer neuen Forschungsplattform: Ein Porsche 911 GT3 RS steht dem Projekt künftig für Messkampagnen, Datenerhebungen und begleitende Simulationsstudien zur Verfügung. Das Fahrzeug ergänzt die bestehende Forschungsinfrastruktur der Fakultät Angewandte Computer- und Biowissenschaften und wird eng mit dem Living Lab „Motion Simulation und Softwareentwicklung“ verzahnt.

Gezielte Wahl auf Extreme

Auf den ersten Blick mag der Sportwagen nicht zum erklärten Ziel von MofoSa passen – dem Aufbau eines belastbaren Mobilitätsdatensatzes für den kleinstädtischen und ländlichen Raum Sachsens. Tatsächlich schließt das Fahrzeug jedoch eine methodische Lücke. Mobilität wird im Projekt entlang mehrerer Dimensionen beschrieben: Antriebsart, Bereitstellungskonzept und Nutzungsart. In allen drei Dimensionen belegt das neue Forschungsfahrzeug eine Randposition, für die bislang kaum systematisch erhobene Daten vorliegen.

„Ein Datensatz, der ausschließlich den Durchschnitt abbildet, ist für die Validierung von Modellen nur begrenzt tauglich“, erklärt Prof. Dr.-Ing. Christian Roschke , einer der beteiligten Professoren. „Wir brauchen die Ränder des Spektrums – das Lastenrad genauso wie ein Fahrzeug, das konsequent auf Fahrdynamik und Fahrerinteraktion im Grenzbereich ausgelegt ist. Die neue Plattform liefert uns Referenzwerte, an denen wir unsere Erhebungs- und Verarbeitungspipeline unter maximaler Datendichte prüfen können.“

Spezifische Einsatzszenarien im Fokus

Das Fahrzeug unterscheidet sich in seinem Nutzungsprofil grundlegend von einem Alltags- oder Pendlerfahrzeug. Charakteristisch sind geringe Jahresfahrleistungen, ausgeprägte Saisonalität, ein hoher Anteil an Freizeit- und Veranstaltungsfahrten sowie ein Nutzungsmix aus öffentlichem Straßenraum und geschlossenen Strecken. Genau diese Szenarien sollen im Rahmen von MofoSa erstmals strukturiert erfasst und analysiert werden. Im Mittelpunkt stehen unter anderem:

  • Hochfrequente Telemetrie- und Sensordatenerfassung unter dynamischen Randbedingungen und ihre Aufbereitung in der projekteigenen Datenpipeline
  • Fahrer-Fahrzeug-Interaktion bei hoher kognitiver und physischer Beanspruchung, insbesondere im fahrdynamischen Grenzbereich
  • Digitale Zwillinge von Fahrzeug und Strecke sowie die Übertragung realer Fahrdaten in immersive Simulationsumgebungen des Living Labs
  • Nutzungs- und Bereitstellungskonzepte jenseits des klassischen Besitzmodells – von Zweitfahrzeug- und Sammlernutzung bis zu event- und trackbezogenen Sharing-Ansätzen
  • Energetische und ökologische Einordnung einer Fahrzeugklasse, deren Umweltwirkung sich wegen der geringen Fahrleistung nicht über konventionelle Verbrauchskennwerte abbilden lässt

„Individuelle Mobilität ist mehr als der Weg zur Arbeit“, ordnet Josefine Welk, M.Sc. und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt, ein. „Emotionale, erlebnisorientierte und sportlich geprägte Mobilität ist ein realer Bestandteil des Verkehrsgeschehens – gerade in einer Region mit ausgeprägter Automobiltradition. Wenn wir ein vollständiges Bild sächsischer Mobilität zeichnen wollen, müssen wir dieses Segment mit derselben methodischen Sorgfalt behandeln wie alle anderen.“

Nächste Schritte

In einem ersten Arbeitspaket wird das Fahrzeug messtechnisch vorbereitet und an die Datenerfassungsinfrastruktur der Hochschule angebunden. Anschließend sind gemeinsame Messkampagnen sowie ein fachlicher Austausch im Kooperationsnetzwerk vorgesehen. Die gewonnenen Daten über eine komplexe Anonymisierungs-Pipeline datenschutzrechtlich korrekt archiviert und können anschließend auch unmittelbar in weiteren Forschungsprojekte des Living Labs genutzt werden. Darüber hinaus stehen die Daten für Studien-, Projekt- und Abschlussarbeiten sowie für die Promotionsvorhaben der Nachwuchsforscherinnen und Nachwuchsforscher zur Verfügung.

Die Kooperation ordnet sich in die bestehenden Aktivitäten der Hochschule Mittweida im Bereich Fahrdynamik, Telemetrie und immersive Simulation ein und verbindet die Mobilitätsforschung mit anwendungsnaher, industrieller Entwicklungsarbeit.

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